
Draußen im Hinterhof plätschert der kleine Steinbrunnen so stetig, dass ich ihn fast überhöre, wenn ich nicht ganz bewusst darauf achte. Es ist Sonntagnachmittag in der Ostengasse, der Fencheltee in meiner Tasse dampft noch ein wenig zu stark, und das Leinen-Heft liegt bereit auf dem Küchentisch. Durch das offene Fenster riecht es nach dem Regen von heute Vormittag und ganz entfernt nach den Backstuben-Düften vom Bäcker Prantl.
Früher, in den Jahren vor 2024, war dieser Moment am Sonntag oft von einer bleiernen Schwere besetzt. Da saß ich meistens über den Korrekturen der Klasse 3b, die Rotstifte griffbereit, während der Kloß im Hals schon langsam wuchs. Das Herzrasen morgens vor sechs war damals mein ständiger Wecker. Dreiundzwanzig Jahre lang war ich an der Clermont-Ferrand-Schule im Westen der Stadt, immer dieselbe Pausenküche, immer derselbe Wasserkocher auf Sparstufe. Ich habe es geliebt, aber irgendwann hat das System mich lautlos überholt, bis Ende 2023 das langsame Burnout nicht mehr zu ignorieren war.
Ein neuer Rhythmus für zwölf Stunden
Seit Januar 2024 unterrichte ich nur noch zwölf Wochenstunden in Altersteilzeit. Dienstags und donnerstags bin ich in der Schule, den Rest der Zeit versuche ich, wieder bei mir selbst anzukommen. Die Umstellung war anfangs gar nicht so leicht, wie ich dachte. Plötzlich war da so viel freie Zeit, die sich wie eine unbeschriebene grüne Wandtafel anfühlte – weit und ein bisschen einschüchternd. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis mir eine alte Studienfreundin aus Augsburg im Juni 2024 das Buch von Rosina Kaiser in die Hand gedrückt hat. Es hat 16.90 Euro gekostet und war, wie sie sagte, ‘irgendwas Kleines für den Sonntag’.
Ich bin keine Numerologin und ganz sicher keine spirituelle Lehrerin. Ich bin eine Frau mit einem weichen Bauch, die gerne über den Bauernmarkt am Neupfarrplatz spaziert und in ihrem Regal ein altes Ringbuch mit Kinderzeichnungen von 2019 aufbewahrt. Aber dieses Buch hat mir geholfen, eine Struktur zu finden, die nicht einengt. Jeden Sonntag gegen drei setze ich mich hin und ermittle meine Tageszahl für die kommende Woche. Es ist wie ein Anker, den ich auswerfe, bevor die Tage losgehen.
Dabei geht es mir nicht um Vorhersagen oder magische Versprechen. Wenn ich zum Beispiel meine Lebenszahl berechnen und die Bedeutung verstehen möchte, dann tue ich das, um zu schauen, wie ich in der kommenden Woche meine Energie einteile. Manchmal zeigt die Zahl ein Muster, manchmal passt sie gefühlt gar nicht zum Geschehen – und das ist auch völlig in Ordnung. Es ist ein Spiel mit Möglichkeiten, kein Lehrplan.
Das raue Leinen und die Stille
Wenn ich heute das Heft aufschlage, spüre ich das raue Gefühl des Leinen-Einbands unter den Fingern. Es ist ein haptischer Moment der Ruhe. Ich notiere mir die Zahlen für Dienstag und Donnerstag, meine Unterrichtstage. Ich schaue mir an, was Rosina Kaiser zu diesen Schwingungen schreibt, und überlege, wie ich meinen Unterricht in den ruhigeren Fächern darauf abstimmen kann. Es gibt mir eine sanfte Sicherheit, die ich früher durch exzessive Unterrichtsvorbereitung erzwingen wollte.
Ein wichtiger Teil meiner neuen Struktur ist es paradoxerweise, Lücken zu lassen. Früher war jeder Vierundzwanzig-Stunden-Tag durchgetaktet wie ein Stundenplan für die vierte Klasse. Heute nutze ich das Journal, um bewusst Zeiten einzutragen, in denen nichts passieren muss. Wenn ich am Sonntagabend die Kirchenglocken der Altstadt läuten höre, bemerke ich oft mit Erleichterung das Ausbleiben des vertrauten, engen Druckgefühls in der Brust. Mein Körper lernt langsam, dass der Montag kein Feind mehr ist.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im letzten August, an einem dieser schwülen Sonntage, fassungslos vor meinen Notizen saß, weil ich zum ersten Mal begriff, dass ich nicht mehr für alles verantwortlich sein muss. In meiner Zeit als Klassenlehrerin dachte ich immer, ich müsste das gesamte soziale Gefüge der 3b auf meinen Schultern tragen. Jetzt, in der Altersteilzeit, darf ich einfach Lehrerin sein – und am Sonntag einfach ich selbst.
Wenn die Zahlen einmal schweigen
Es gab auch Wochen, in denen das System für mich nicht funktioniert hat. Letzten November, als es in Regensburg tagelang nur grau war und der Dom im Nebel verschwand, blieb mein Leinen-Heft drei Wochen lang ungeöffnet. Ich hatte keine Lust auf Rechnen, keine Lust auf Deutung. Ich war einfach nur müde. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion: Der Zahlen-Code ist eine Einladung, keine Verpflichtung. Er ersetzt keinen Besuch beim Hausarzt und keine professionelle Beratung, wenn die Erschöpfung zu tief sitzt. Ich bin keine Ärztin, ich bin eine Lernende, die nach dreiundzwanzig Jahren Dienstzeit lernt, wie man sich selbst eine gute Lehrerin ist.
Manchmal hilft es auch, weiter zurückzuschauen. Ich habe angefangen, die persönliche Jahreszahl zu berechnen, um zu verstehen, warum das Jahr 2024 dieser tiefe Einschnitt war. Es war mein persönlicher Neustart, und das Journal ist das Protokoll dieses Weges. Es ist ein stiller Begleiter, so wie die schiefe Lavendelvase auf meinem Tisch, die ich auf dem Bauernmarkt gekauft habe.
Jetzt im Mai, während der Flieder im Hinterhof blüht und die Touristen wieder in langen Schlangen vor der Würstlkuchl stehen, fühlt sich mein Sonntagsritual gefestigt an. Ich sitze hier, trinke meinen Tee und weiß, dass ich am Dienstag wieder in der Schule stehe. Aber ich gehe dorthin ohne das Herzrasen. Ich habe gelernt, dass Struktur nicht bedeutet, jede Minute zu füllen, sondern den Raum dazwischen zu ehren. Und wenn du selbst gerade in einer Phase des Umbruchs steckst, kann ich dir nur raten: Such dir etwas Kleines, das dir Halt gibt, und sprich bei echter Erschöpfung unbedingt mit einem Profi oder deiner Gewerkschaft.
Das Journal am Sonntag ist mein kleiner Luxus in der Ostengasse. Es ist die Zeit, in der die Lehrerin Pause hat und die Frau im zweiten Stock einfach nur den Brunnen plätschern hört.