Zahlengarten

Altersteilzeit Lehrer Erfahrungen: Sonntagsrituale gegen das Gedankenkarussell

Altersteilzeit Lehrer Erfahrungen: Sonntagsrituale gegen das Gedankenkarussell

Es ist Sonntag, kurz nach drei. Durch das Fenster meiner Zweizimmerwohnung in der Ostengasse beobachte ich, wie das Wasser im Steinbrunnen unten im Hinterhof gleichmäßig plätschert. Auf dem Küchentisch dampft mein Fencheltee, der eigentlich noch viel zu heiß zum Trinken ist. Neben mir liegt das Leinen-Heft, und für einen Moment spüre ich dieses vertraute, leise Ziehen im Magen – das alte Echo der Angst vor dem Dienstagvormittag, wenn ich wieder für meine zwölf Wochenstunden in der Clermont-Ferrand-Schule stehe.

Hinweis: In meinen Sonntagsnotizen finden sich einige Affiliate-Links (Werbung). Wenn du über einen dieser Links ein Buch oder einen Kurs kaufst, erhalte ich eine Provision – dein Preis ändert sich dadurch natürlich nicht. Ich schreibe hier nur über Dinge, die ich selbst in meinem Leinen-Heft durchgearbeitet habe.

Vom Kloß im Hals zur neuen Struktur

Dreiundzwanzig Jahre lang war ich Frau Haselbeck. Dreiundzwanzig Jahre lang habe ich Kindern beigebracht, wie man ein Lineal ordentlich anlegt und dass Worte ein Gewicht haben. Aber am Ende, im Jahr 2023, hatte ich selbst kein Gewicht mehr. Der Kloß im Hals vor jedem Elternabend und das Herzrasen morgens um sechs waren meine täglichen Begleiter. Als ich im Januar 2024 die Altersteilzeit antrat, dachte ich, die bloße Reduzierung der Stunden würde das Gedankenkarussell stoppen. Doch die Stille der leeren Nachmittage füllte sich anfangs nur mit alten Sorgen über verpasste Förderpläne oder die Stimmung in der Klasse 3b an einem regnerischen Donnerstag im Mai.

Das Gedankenkarussell dreht sich oft am schnellsten, wenn wir versuchen, es mit Gewalt anzuhalten. In den letzten sechs Monaten, genau genommen seit November 2025, habe ich 26 Sonntags-Journaling Einheiten absolviert. Jede Sitzung dauert etwa dreißig Minuten. Diese 780 Minuten Reflexionszeit haben mir mehr über meine innere Ruhe beigebracht als die zwei Jahre Krankschreibung zuvor. Es geht nicht darum, die Welt zu erklären, sondern dem Sonntag eine Struktur zu geben, die nicht nach Stundenplan riecht.

In einer dieser Sitzungen, es war ein verregneter Sonntag im Januar, habe ich zum ersten Mal meine Jahreszahl für 2026 berechnet. Dabei kam eine verdrängte Angst ans Licht: Was passiert, wenn ich irgendwann gar nicht mehr unterrichte? Die Berechnung war wie eine vorsichtige Handreichung in einem Elterngespräch – sie hat das Problem nicht gelöst, aber sie hat ihm einen Namen gegeben. Ich saß da mit meinem Leinen-Heft, und der Geruch von dampfendem Fencheltee vermischte sich mit dem kühlen Staub meiner alten Kinderzeichnungen aus der 3b von 2019, die noch immer oben im Regal stehen.

Das Leinen-Heft als Anker am Küchentisch

Im Juni 2024 hat mir eine alte Studienfreundin aus Augsburg Rosina Kaisers Buch in die Hand gedrückt. „Irgendwas Kleines für den Sonntag“, sagte sie. Ich habe 139 Euro für Zahlen-Code [Mein Sonntagsbegleiter] ausgegeben, und anfangs war ich skeptisch. Ich bin keine Esoterikerin, ich bin eine Grundschullehrerin, die einfach nur eine Ordnung für ihre Gefühle braucht, die über den Lehrplan hinausgeht. Aber das Haptische, das manuelle Rechnen der Tageszahl, hat etwas Beruhigendes.

Mein morgendliches Herzrasen vor sechs Uhr ist einem ruhigen Puls gewichen, sobald ich sonntags die erste Ziffer in mein Heft eintrage. Es ist fast so, als würde ich wieder eine grüne Wandtafel beschriften, nur dass die Kreide diesmal keine Spuren an meinen Händen hinterlässt. In meinem Bericht über meine erste Woche in der Altersteilzeit habe ich bereits beschrieben, wie schwer mir der Übergang fiel. Das Buch hilft mir dabei, die Zahlen nicht als Schicksal zu sehen, sondern als Beobachtungsposten.

Natürlich läuft nicht jeder Sonntag perfekt. Im Februar gab es einen Moment, der mich fast zur Verzweiflung brachte. Ich habe die Lebenszahl dreimal falsch berechnet, weil ich mein Geburtsjahr im Kopf unbewusst jünger machte – totale Verwirrung für zwei Stunden. Ich saß da, den Blick auf die Rückseite vom Bäcker Prantl gerichtet, und fühlte mich wie eine Schülerin, die bei der schriftlichen Division hängengeblieben ist. An diesem Tag hat mir die Zahl gar nichts gezeigt, außer dass ich vielleicht doch müder war, als ich mir eingestehen wollte.

Wenn der Alltag die Struktur sprengt

Besonders schwierig wird es für uns Lehrkräfte, wenn wir zusätzlich pflegebedürftige Angehörige haben. Eine ehemalige Kollegin von mir pflegt ihre Mutter in Stadtamhof und erzählte mir neulich beim Spaziergang an der Donau, dass alle Entspannungstipps bei ihr versagen. Wenn man ständig in Alarmbereitschaft ist, fühlt sich ein „geplantes Ritual“ oft wie eine weitere Pflicht an. Hier habe ich gemerkt, dass der Zahlen-Code gerade deshalb funktioniert, weil er so wenig Raum einnimmt. Er verlangt keine Erleuchtung, nur ein wenig Konzentration auf das Rechnen.

Wer es technischer mag, greift vielleicht eher zu Software-Lösungen wie MeineRadionik, aber für mich bleibt das Papier wichtig. Es ist die gleiche Vorsicht, mit der ich früher die Zeugnisbemerkungen formuliert habe. In meinem Artikel über Burnout-Bewältigung am Sonntag gehe ich tiefer darauf ein, warum das Analoge uns so gut tut.

Ein Fazit zwischen Donau und Dom

Heute, am 1. Mai 2026, blicke ich auf ein halbes Jahr zurück, in dem der Sonntagabend nicht mehr der Feind ist. Die zwölf Stunden Unterricht am Dienstag und Donnerstag fühlen sich machbar an, weil ich weiß, dass ich am Sonntagnachmittag um drei wieder an meinem Tisch in der Regensburger Altstadt sitze. Die schiefe Lavendelvase vom Bauernmarkt am Neupfarrplatz steht neben meinem Heft, und der Dom-Schatten wandert langsam über die Hausfassaden gegenüber.

Der Zahlen-Code ist kein Allheilmittel. Er erklärt nicht, warum die Kopierer in der Schule immer dann streiken, wenn man es eilig hat, oder warum manche Elternabende sich wie ein Verhör anfühlen. Aber er gibt mir diese dreißig Minuten, in denen ich nicht die Lehrerin, nicht die Pflegende und nicht die Burnout-Patientin bin. Ich bin einfach Kerstin, die mit Zahlen spielt, bis das Gedankenkarussell langsamer wird.

Wenn du selbst merkst, dass die Sonntage schwerer wiegen als die restliche Woche, kann ich dir Rosina Kaisers Ansatz nur ans Herz legen. Es braucht keinen großen Kurs, oft reicht das Buch Zahlen-Code [Mein Sonntagsbegleiter], um einen ersten Anker zu werfen. Vielleicht fängst du auch einfach damit an, dich jeden Sonntag um drei mit einer Tasse Tee an den Tisch zu setzen. Die Zahlen kommen dann ganz von selbst.

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